Psychische Gesundheit — ein Vergleich, den niemand macht

Scrollen

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Elephant in the Room veröffentlicht.

Ich bin psychiatrisch behandelt worden. Psychose. Das ist kein Geheimnis und kein Hilferuf, sondern der Grund, warum mich dieses Thema interessiert. Wenn man selbst in der Psychiatrie war, fragt man sich irgendwann: Wie sieht das eigentlich anderswo aus? Geht es den Leuten hier besser oder schlechter als im Rest der Welt?

Ich hatte keine These. Ich wollte einfach Zahlen sehen.

Die Zahlen — und warum man ihnen nicht blind vertrauen darf

Das erste Problem: Psychische Gesundheit messen ist nicht wie Fieber messen. Jedes Land misst anders. Australien macht seit Jahren detaillierte Bevölkerungsstudien und kommt auf 42,9 Prozent, die irgendwann im Leben eine psychische Erkrankung hatten. Japan kommt auf 8 Prozent — nicht weil es den Japanern besser geht, sondern weil dort niemand darüber redet.

Die vergleichbarsten Daten kommen von der Global Burden of Disease Study (IHME, 2019), die für jedes Land nach der gleichen Methode die aktuelle Verbreitung psychischer Erkrankungen schätzt:

Land Jede psychische Störung Depression Angststörung
USA 20,1 % 4,7 % 5,7 %
Australien 19,4 % 4,5 % 5,9 %
Deutschland 17,4 % 4,3 % 5,1 %
Österreich 17,0 % 4,0 % 5,0 %
EU-Durchschnitt 16,5 % 3,9 % 4,6 %
Italien 16,5 % 3,5 % 4,4 %
Japan 13,0 % 2,7 % 3,1 %

Italien liegt im EU-Schnitt, die USA und Australien darüber, Japan deutlich darunter. Aber diese Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte.

Suizid

Ich habe dann die Suizidraten nachgeschlagen. Die WHO veröffentlicht Daten von 2021, altersbereinigt, pro 100.000 Einwohner:

Land Gesamt Männer Frauen
Japan 14,6 21,1 8,5
USA 14,1 22,4 6,1
Österreich 12,1 18,6 6,1
Australien 11,3 17,0 5,7
Deutschland 10,3 15,7 5,3
EU-Durchschnitt ~10,2 ~16,0 ~5,0
Italien 5,4 8,7 2,5
Weltweit 9,0 12,3 5,9

Das hat mich überrascht. Italien hat die niedrigste Suizidrate in ganz Westeuropa. Und die Männer-Frauen-Kluft ist überall enorm — Männer bringen sich zwei- bis viermal häufiger um.

Aber dann Südtirol.

Südtirol — italienisch auf dem Papier, alpin in der Realität

Für Südtirol gibt es keine eigene psychiatrische Bevölkerungsstudie. Keine ASTAT-Sonderpublikation, keine eigene Datenlage. Was man weiß: Trentino-Südtirol hat eine Suizidrate, die deutlich über dem italienischen Durchschnitt liegt — Schätzungen bewegen sich bei 10 bis 12 pro 100.000, möglicherweise doppelt so hoch wie der nationale Schnitt. Aber die regionale Schwankung in Italien ist groß, und ohne saubere Daten speziell für Südtirol bleibt das eine Annäherung.

Es gibt in der Forschung Hinweise auf ein sogenanntes „alpines Suizidmuster": Bergregionen in den Alpen — ob Tirol, die Schweizer Alpen oder Savoyen — zeigen in mehreren Studien höhere Suizidraten als Flachlandgebiete. Die Theorien reichen von geografischer Isolation über Zugang zu Schusswaffen bis hin zu möglichen Auswirkungen der Höhenlage auf den Serotoninhaushalt. Einen wissenschaftlichen Konsens gibt es dazu nicht, aber die Korrelation taucht immer wieder auf.

Kulturell ist Südtirol näher an Österreich als an Italien. Die germanische Zurückhaltung beim Thema psychische Gesundheit dürfte hier stärker wirken als die italienische Familiendynamik, die in anderen Teilen Italiens als informelles Auffangnetz funktioniert.

Gleichzeitig hat Südtirol als Teil Italiens eines der dünnsten psychiatrischen Netze Europas geerbt: Vier Zentren für psychische Gesundheit für das gesamte Land — in Bozen, Meran, Brixen und Bruneck. Wenige Dutzend akute Psychiatriebetten für 540.000 Menschen.

Das Basaglia-Gesetz — Italiens radikales Experiment

Das mit den wenigen Betten hat einen Grund. 1978 verabschiedete Italien als erstes Land der Welt ein Gesetz zur schrittweisen Schließung aller psychiatrischen Kliniken. Das Gesetz 180 — benannt nach dem Psychiater Franco Basaglia — ersetzte die Anstalten durch gemeindenahe Zentren. International gefeiert. In Zahlen: Italien hat heute 7,7 Psychiatrie-Betten pro 100.000 Einwohner (Eurostat, 2023). Der EU-Durchschnitt liegt bei etwa 70. Deutschland hat 133.

Die Idee war, dass die Gemeinschaft und die Familie die Betreuung übernehmen. Kritiker sagen: Die Gemeinschaft wurde nie ausreichend finanziert. Italien gibt etwa 3,5 Prozent seines Gesundheitsbudgets für psychische Gesundheit aus — wenig, selbst im globalen Vergleich, auch wenn solche Zahlen je nach Definition schwer vergleichbar sind.

Für Südtirol heißt das: wenige Betten, dazu eine Kultur, in der man nicht so leicht zum Psychiater geht.

Die USA — Deaths of Despair

Die USA sind der Ausreißer. 23,1 Prozent der Erwachsenen haben eine diagnostizierte psychische Erkrankung — der höchste Wert unter den Industrienationen. Aber das eigentliche Ausmaß zeigt sich woanders.

Seit 2021 sterben in den USA mehr als 100.000 Menschen pro Jahr an Überdosen, die meisten an synthetischem Fentanyl. Die Ökonomen Anne Case und Angus Deaton haben dafür den Begriff „Deaths of Despair" geprägt — Tode der Verzweiflung. Suizid, Drogenüberdosen und alkoholbedingte Lebererkrankungen, konzentriert unter weißen Arbeitern ohne Hochschulabschluss.

Je nach Studie erhalten 40 bis 60 Prozent der psychisch Kranken in den USA keinerlei Behandlung. In manchen ländlichen Bezirken gibt es keinen einzigen Therapeuten. Schusswaffen sind die häufigste Suizidmethode und machen über die Hälfte aller Suizide aus.

Japan — niedrige Zahlen, hoher Preis

Japan meldet eine der niedrigsten Raten psychischer Erkrankungen: etwa 8 Prozent. Gleichzeitig eine Suizidrate von 14,6 — die höchste in diesem Vergleich. 2003 waren es 34.427 Suizide in einem einzigen Jahr.

Das passt nicht zusammen, und der Grund ist kein Geheimnis: In Japan sind psychische Probleme so stark stigmatisiert, dass sie nicht ausgesprochen werden. Das Konzept „meiwaku" — anderen nicht zur Last fallen — verhindert, dass Menschen Hilfe suchen.

Suizid ist in Japan die häufigste Todesursache bei 10- bis 39-Jährigen. Das ist weltweit fast einzigartig.

Dazu kommt Hikikomori: Schätzungsweise über eine Million Menschen, die sich komplett aus dem sozialen Leben zurückziehen, über Monate oder Jahre. Die genaue Zahl schwankt je nach Studie und Definition. Und Karoshi — Tod durch Überarbeitung —, offiziell als arbeitsbedingter Tod anerkannt.

Und ein Detail, das ich nicht erwartet hätte: Japan hat mit etwa 260 Psychiatrie-Betten pro 100.000 Einwohner die höchste Rate weltweit. Durchschnittliche Aufenthaltsdauer: 270 Tage. In den meisten EU-Ländern sind es 25. Italien hat 7,7 Betten. Japan sperrt ein, Italien hat gar nichts. Beide Extreme funktionieren nicht.

Deutschland und Österreich

Deutschland hat die höchste Psychiater-Dichte der EU: rund 28 pro 100.000. Seit dem Psychotherapeutengesetz von 1999 ist Psychotherapie eine Kassenleistung — kognitiv-behavioral, tiefenpsychologisch und psychoanalytisch. Trotzdem: drei bis sechs Monate Wartezeit auf einen Platz. Und die Suizidzahlen steigen — laut Destatis gab es 2024 über 10.000 Suizide, deutlich über dem Zehn-Jahres-Durchschnitt.

Österreich hatte in den 80er-Jahren eine der höchsten Suizidraten Westeuropas — rund 20 pro 100.000. Seitdem fast halbiert. Ein Grund: Wien hat nach einer Häufung von Suiziden in der U-Bahn Medienrichtlinien eingeführt, die bestimmten wie Zeitungen über Suizide berichten dürfen. Die Fälle gingen messbar zurück — ein Zusammenhang, der in der Suizidprävention als „Werther-Effekt" bekannt ist und seitdem international als Modell dient.

Australien — die ehrlichsten Zahlen

Australien meldet die höchsten Zahlen: 42,9 Prozent Lebenszeitprävalenz. Bei den 16- bis 24-Jährigen fast 40 Prozent innerhalb eines Jahres.

Das klingt dramatisch, aber es zeigt vor allem, dass Australien genauer hinschaut als andere. Mit Organisationen wie „Beyond Blue" und dem Jugend-Netzwerk „Headspace" gibt es eine Offenheit, die anderswo fehlt.

Trotzdem: Die indigene Bevölkerung hat eine doppelt so hohe Rate an psychischen Belastungen. Das intergenerationale Trauma der „Stolen Generations" wirkt bis heute. In ländlichen Gebieten sind Suizidraten deutlich höher, die Versorgung dünn, und die Kultur der Härte verhindert, dass Männer Hilfe suchen.

Was bleibt

Kein Land hat das Thema im Griff. Die USA haben Geld, aber kein funktionierendes System. Japan hat Betten, aber keine Offenheit. Deutschland hat Therapeuten, aber nicht genug Termine. Italien hat die radikalste Reform durchgezogen, aber nie zu Ende finanziert. Australien misst am besten, kämpft aber trotzdem.

Und Südtirol? Sitzt zwischen den Stühlen. Kulturell germanisch, administrativ italienisch, geografisch alpin. Mit einer vermutlich deutlich höheren Suizidrate als der italienische Durchschnitt, aber dem dünnsten psychiatrischen Netz Europas. Ohne eigene Daten, ohne eigene Studie, ohne eigene Debatte.

Das ist vielleicht das Auffälligste an der ganzen Recherche: Wir wissen es nicht. Nicht weil die Frage unwichtig wäre, sondern weil sie niemand stellt.


Quellen: WHO Global Health Estimates 2024, IHME Global Burden of Disease Study 2019, Eurostat 2023, NIMH/SAMHSA NSDUH 2022, ABS National Study of Mental Health and Wellbeing 2020–2022, Destatis Todesursachenstatistik 2024, WHO Mental Health Atlas 2020. Faktencheck: ChatGPT (OpenAI, Mai 2025), Gemma 4 26B (lokal).