Kürzlich bei Freunden. Es wurde gegrillt. Schopf, Koteletts, Berner Würstl — die mit Käse gefüllt und Speck drum rum. Alles stand da und man konnte sich nehmen. Und es war verdammt gut. Also habe ich genommen. Und nochmal. Und nochmal.
Ich wusste, dass ich satt war. Irgendwann meldete sich da hinten etwas. Aber der nächste Teller war schon voll bevor das Signal ankam.
Im Restaurant ist es anders, aber nicht besser. Da bestelle ich zwei Gerichte statt einem. Nicht immer, aber oft genug. Weil die Karte gut klingt und ich mich nicht entscheiden kann. Oder will.
Es liegt auch daran, wie schnell man isst
Wenn ich mit Leuten esse die ich selten sehe, esse ich langsam. Wir reden, ich lege die Gabel ab, es gibt Pausen. Da merke ich irgendwann, dass es reicht. Aber mit meiner Schwester — selbst im Restaurant — essen wir schnell. Sehr schnell. Sättigung ist kein Schalter der umgelegt wird, sondern ein Staffellauf durch den ganzen Körper — vom Kauen über die Magendehnung bis zu Hormonen die erst im Dünndarm ausgeschüttet werden. Wer schnell isst, überrennt die erste Läufergruppe bevor die zweite überhaupt den Stab übernehmen kann.
Der Nachtisch-Magen
Pappsatt vom Hauptgang. Kein Bissen geht mehr rein. Und dann kommt das Dessert und plötzlich ist wieder Platz. Das Gehirn reagiert auf den neuen Geschmack — süß nach salzig — und das Belohnungssystem springt wieder an. Die Wissenschaft nennt es sensorisch-spezifische Sättigung. Ich nenne es Betrug.
Was mich wirklich ärgert
Der Körper hat ein ganzes Arsenal an Sättigungssignalen — Magenrezeptoren die über den Vagusnerv ans Hirn melden, Hormone wie CCK die im Dünndarm freigesetzt werden wenn Fett und Eiweiß ankommen. Klingt alles sehr durchdacht.
Ist es aber nicht.
Denn der Körper ist auf Speichern optimiert, nicht auf Wegwerfen. Ja, ein Teil der überschüssigen Energie geht als Wärme verloren, bei Eiweiß sogar ein beachtlicher Anteil. Aber den Großteil hortet er. Es gibt keinen Schalter der sagt: War zu viel, wird nicht eingelagert, geht durch.
Unser Körper ist nicht für diese Welt gebaut. Er stammt aus einer Zeit in der Nahrung knapp und unberechenbar war. Dass heute rund um die Uhr alles verfügbar ist — Kühlschrank voll, Supermarkt um die Ecke, Lieferdienst auf dem Handy — damit kann er nicht umgehen. Nicht weil er dumm ist, sondern weil sich die Welt schneller verändert hat als die Biologie hinterherkommt.
Heute stehe ich vor einem Grill bei Freunden und irgendetwas in mir denkt: Nimm alles, wer weiß wann es das nächste Mal was gibt.
Es gibt das nächste Mal morgen früh. Aber das weiß er nicht.